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DIE ORTSCHAFT BOCKERT
Der
heutige Stadtteil der Stadt Viersen, die ehemalige
Hohnschaft Bockert hat eine lange Geschichte.
Bereits im Jahr 1250 wurde das Streudorf erstmalig
erwähnt.
Nebenan
steht das Bockerter Wappen aus dem Jahr 1998. Das
Wappen ist noch sehr jung - und doch erzählt
es sehr viel aus der Geschichte. Historisch
besaß Bockert kein Wappen - der kleinen
Ortschaft, die über lange Zeit ihrer
Geschichte aus wenigen Gehöften bestand,
hätte ein solches Wappen auch gar nicht
zugestanden. Leider drohte mangels einer
Identifikation mit dem Ort auch einiges an Wissen
um die Geschichte verloren zu gehen. Dem entgegen
zu wirken, hat sich der Bockerter Bürger
Walter Woters große Verdienste erworben, als
er in den Neunziger Jahren des Zwanzigsten
Jahrhunderts damit begann, die Geschichte Bockerts
aufzuarbeiten und in kleinen Publikationen der
örtlichen Schützenbruderschaft zu
veröffentlichen. Das Wappen, welches von
René Bongartz entworfen wurde, ist
zweigeteilt, es besteht aus einen schwarzen Bereich
links-oben und einem weißen
rechts-unten.
Im
schwarzen Feld oben sind in Anlehnung an die
historische Wappenkunde zwölf
Symbole
abgebildet, sieben Wellen und fünf Dächer.
Die Symbole spielen auf einen Merkspruch an, der
Bockert seit jeher charakterisierte: 'Bockert hätt
si'eve Hötte on fiev Pötte',
was bedeutet 'Bockert hat sieben Brunnen und fünf
Häuser'. Mit den Häusern waren
Bauernhöfe gemeint, welche ehedem die
Keimzellen der Ortschaft bildeten.
Im
weißen Feld sind zwei grüne
Buchenblätter zu sehen - sie spielen auf den
Namen 'Bockert' an, was soviel bedeutet wie
'Buchenholz', also Buchenwald oder vom Sinn her
eher 'Häuser im Buchenwald'. Der Namen deutet
sich bereits bei der ersten urkundlichen
Erwähnung mit 'Buchot' an - woraus man mit
etwas Phantasie 'Buchholt' lesen kann. Die
Abbildung von zwei Blättern im Wappen weist
auf die ursprüngliche Zweiteilung der
Ortschaft in Ober- und Unterbockert hin.
Die
Farben des Wappens sind - auch dies entspricht der
Wappenkunde - Schwarz, Weiß und Grün.
Dafür gibt es eine Begründung: Bockert
gehörte immer schon zur späteren Stadt
Viersen, Viersen wiederum war ursprünglich
Besitztum des Kölner Klosters St. Gereon und
wurde nach der napoleonischen Zeit dem
preußischen Rheinland zugeschlagen. Die
Wappenfarbe der Rheinprovinz war Dunkelgrün,
die Farben Preußens Weiß und Schwarz -
oft wurden die drei Farben zusammen dargestellt,
woraus sich unter anderem die Vereinsfarben des
Fußballclubs Borussia Mönchengladbach
ergaben ('Borussia' ist eine lautmalerische
Abwandlung des lateinischen 'Prussia' =
Preußen). Zwar beruft sich Bockert mit seinem
Wappen nicht auf den Fußballverein, doch ist
es nicht unbedingt Zufall, daß die
Mönchengladbacher Borussia gerade mal
fünf Kilometer Luftlinie entfernt beheimatet
ist.
Das
Spiel der Bedeutungen im Wappen läßt
sich weiter fortsetzen: Bockert hat unter den
Viersener Ortsteilen eine
außergewöhnliche, geografische Position.
Während alle anderen Ortsteile ganz oder
teilweise im heutigen Niers- und
prähistorischen Rheintal liegen, befindet sich
Bockert auf einer Anhöhe westlich der Stadt.
Diese Anhöhe gehört geologisch zur
'Venloer Scholle' einer tektonischen Platte.
Zwischen Viersen und Bockert bricht diese
Landplatte zum Rheingraben hin ab. Betrachtet man
das Land genauer, so fällt auf, daß es
am Plattenbruch einige kleinere Gewässer gab,
welche aus Richtung der Landplatte nach Osten hin
flossen (darunter der Bach 'Viers' der Viersen den
Namen gab, die Helenenquelle in Helenabrunn, der
Hammer Bach im Beberich, der Dorfer Bach im
Ortsteil Dorf und auch ein weiteres Rinnsal namens
'Brasseler Siep' - ein nur Teile des Jahres Wasser
führender Bachlauf ohne eigene Quelle von
Hoser in Richtung Unterbeberich - der Name
Brasselstraße stammt daher). Oben auf der
Venloer Scholle gibt es keine
Fließgewässer, woraus sich erklärt,
warum man im Bockert auf die Brunnen angewiesen
war. In einem zweiten Schritt läßt sich
daraus ableiten, warum die Ortschaft während
ihrer Geschichte niemals besonders stark anwuchs...
dazu fehlte schlicht das notwendige Wasser. Wer
jedoch den letzten Satz hört und sich in der
heutigen Umgebung Bockerts etwas umsieht, wird sich
vielleicht wundern, gibt es doch eine Vielzahl
kleiner Teiche und Tümpel. Hier handelt es
sich um stehende Gewässer - sie existieren,
weil es (auch das hat mit der Venloer Scholle zu
tun) etwa einen Meter unterhalb der Bodenkrume eine
fast wasserdichte Lehm-/Kleischicht gibt, hier kann
Niederschlag nicht abfließen.
Die
Tümpel führten zu einer weiteren
Besonderheit, welche - wenn es so etwas
überhaupt gibt - an den herausragenden
geschichtlichen Ereignissen der Ortschaft
mitschrieb. Die Tümpel führen je nach
Witterung ganzjährig Wasser, weshalb in dieser
Umgebung die Flachspflanze gut gedieh (die
sogenannten Flachskuhlen findet man teilweise heute
noch). Aus Flachs wird Leinen gesponnen, was dazu
führte, daß sich viele Bockerter mit dem
wenig einträglichen Geschäft der groben
Leinenweberei befaßten. An dieser Stelle
muß eingeschoben werden, daß in Viersen
die Weberei seit jeher eine große Tradition
hatte, die spezielle Leinenweberei aber auf wenige
Bereiche begrenzt war. So nimmt es nicht Wunder,
daß eine kleine Straße im heutigen
Bockert den Namen 'Leineweberstraße'
führt. Auch das wäre nichts besonderes,
wären es nicht einige Leinenweber gewesen, die
aus den ärmlichen Umständen flohen und
mit dem ersten Auswandererschiff 'Mayflower' nach
Amerika auswanderten. Diese Leinenweber stammten
nachweislich aus dem weiteren Umfeld der Stadt
Krefeld, können somit durchaus aus Viersen
oder eben aus Bockert gekommen sein. Ob es
tatsächlich so war, läßt sich heute
nicht mehr feststellen, die Umstände, die dazu
hätten führen können, daß
Menschen ihre Heimat verließen, um in einer
anderen Welt eine wirtschaftlichere Existenz zu
gründen, waren jedoch gegeben. Und so sollte
es nicht wundern, daß man in den USA den
Familiennamen 'Bockert' heute häufiger findet
als in Deutschland.
Abschließend
soll zum oben entworfenen Bild der
Amerika-Auswanderer jedoch angeschlossen werden,
daß ein Familienname Bockert auch einen ganz
anderen Ursprung haben kann. In Bayern bezeichnet
das Wort 'Bockert' den Biber, was namenskundlich
einen Menschen mit starken Schneidezähnen
beschreiben könnte - aber warum soll nicht
auch das kleine Bockert am Niederrhein etwas zur
Geschichte der (Neuen) Welt beigetragen haben? Mit
einem Augenzwinkern kann man sagen, daß sich
zum Glück eine solcher Beweis oder Gegenbeweis
nicht mehr erbringen läßt. Nur,
daß aus Bayern weit weniger Menschen in die
USA auswanderten, als vom Niederrhein, das
läßt sich mit Gewißheit
sagen.
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